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"Die Wechsler". Netzpiloten im Porträt. BRANDEINS 2/2007
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brandeins, Februar 2007

DIE WECHSLER

Sie sind aufgebrochen und haben viel erreicht – irgendwann auch ihre eigenen Grenzen. Davon ließen sie sich nicht beirren. Drei Geschichten über den Neuanfang.

Wolfgang Macht
hat die New-Economy-Euphorie mit allen Höhen und Tiefen erlebt – und überlebt. 1996 entwickelte er Internet-Plattformen für Gewinnspiele und brachte 1998 mit einem Partner die Netzpiloten an den Start, die Reisen durch die neue Welt des Internets anboten und rasant auf 130 Mitarbeiter anwuchsen. Bis die im Jahr 2000 eingestiegene Beteiligungsgesellschaft United Internet auf einen Personalabbau drängte. Es folgte ein „Albtraum“: Die Mitarbeiterzahl schmolz auf sieben zusammen. Trotzdem blieben die Netzpiloten in Geschäft. Sie kauften die einst abgetretenen Anteile zurück, vermieteten ihre Software und profitieren heute vor allem von ihrer Gewinnspiel-Sparte. Für das neueste Produkt, die „Blogpiloten“, war Wolfgang Macht gerade in Amerika, um Trends zu erkunden.

„Wir hatten uns damals mit den Leitsatz „Never believe the hype“ gegenseitig gewarnt. Schließlich hatte ich schon während meiner Zeit als Chefredakteur Deutschland von Boo.com einen Zusammenbruch erlebt. Trotzdem konnten auch wir der Euphorie nicht entgehen. Wir gehörten ganz klar zu den Unternehmen, die den Schuss zu spät hörten. Als im Sommer 2000 aus Amerika schon längst die ersten Pleiten und Markteinbrüche bekannt wurden, hatten wir gerade unsere Büros in Paris, San Francisco, Mailand und Barcelona eröffnet. Im Juli 2000 waren wir mit dem Comedian Thomas Hermanns als Coverboy auf allen Werbekanälen präsent. Die Begeisterung trug uns bis weit in den Winter. Wir starteten natürlich Konsolidierungsmaßnahmen, aber letztendlich machten wir erst eine Radikal-Schrumpf-Kur, als unser damaliger Investor United Internet uns den Geldhahn abdrehte. Die drei Entlassungswellen, bei denen die meisten der früher 130 Kollegen gehen mussten, waren die schlimmste Zeit meines beruflichen Lebens. Im Frühjahr und Sommer 2001 saßen wir dann auf einmal zu siebt in riesigen Räumlichkeiten. Ich glaube, wir haben heute noch hundert IKEA-Schreibtischlampen im Keller, die sich partout nicht mehr verkaufen ließen. Dieser Absturz und die Enttäuschungen, die er für viele Mitarbeiter persönlich bedeutete, waren für uns enorm anstrengend und eine Lehre für Leben. Gesundheitlich folgten ein paar ungemütliche Monate, psychisch war der Spuk über ein bis zwei Jahre nicht einfach zu verarbeiten. Mein Partner und ich waren heilfroh, dass unsere Freundschaft keinerlei Blessuren aus diesem Stress bekommen hatte.
Aber wir waren beide dickköpfig und wollten das Abenteuer weiter verfolgen. Wir hatten weiterhin den Traum eines eigenen Unternehmens mit allen Freiheiten, die man als Unternehmer hat, und wollten auch in depressiven Zeiten immer Neues, Besseres, Herausforderndes anstoßen. Wir wussten jetzt aber auch, was bei aller Euphorie wichtig ist: Atmen nicht vergessen! Wenn alles tobt und zieht und drängt, lohnt es sich immer einen Schritt rauszugehen und eine Reise zu machen oder ein Wochenende mit Freunden aus anderen Branchen zu verbringen. Das ist dann eine Art Realitäts-Check.
Für uns ist das Experiment, mit Freunden, Bekannten, Studienabgängern und Berufsanfängern eine Firma aufgebaut zu haben, ja noch einmal glücklich ausgegangen. Das wir überlebten lag auch sicherlich daran: Wenn ein Unternehmen eine solche Schubkraft erfährt, wie wir sie 1999 erlebten, wird professionelle Personalpflege wichtig. Die Unternehmensgründer können dann nicht mehr jeden einzelnen da abholen, wo er gerade mit seinen Fähigkeiten steht. Mit den „gemeinsamen Lernen“ kann man weit kommen, aber wir hatten uns eben auch schon früh für professionelle Unterstützung entschieden – durch eine Personalleiterin und einen exzellenten Personalexperten im Aufsichtsrat. Wir haben uns außerdem von der elektrisierenden Verführung emanzipiert, dass man im Internet vermeintlich alles blitzschnell ausprobieren und ändern kann. Wir sind etwas ruhiger geworden und treten sozusagen in die Position des in Liebesdingen etwas erfahrenen älteren Bruders für die Web 2.0-Generation.
Wenn es die Chance auf ein organisches Wachstum gibt, würden wir auch gern wieder wachsen. Wie wir das alles finanziell geschafft haben? Es ging uns nie ums Geld, auch wenn wir uns im Jahr 2000, in unserem Gutverdiener-Jahr, ziemlich einmalig fanden. Danach gab es wieder erst einmal ein paar Jahre nichts, so wie es auch in den Anfangsjahren bei den Netzpiloten war, als wir unseren Traum über andere Jobs gegenfinanzierten. Ich würde heute wohl nicht noch einmal auf ein komplett werbefinanziertes Produkt setzen. Es muss zumindest von weiteren erfolgreichen Geschäftsmodellen flankiert und gesichert werden. Bei uns übernimmt das heute zum Beispiel ein Online-Gewinnspiel-Vermarktungsnetzwerk, das wir früher vernachlässigt hatten.“


ZUR NETZPILOTEN INTERNETGRUPPE
Unter dem Dach der Netzpiloten AG entwickeln die Netzpiloten seit 1996 nutzerfreundliche Navigations- und Gewinnspielservices für das Internet. Mit Sitz in Hamburg, Berlin und Barcelona betreibt die Firmengruppe sowohl redaktionelle Formate (www.netzpiloten.de, www.webpilots.es, www.gewinnspiele.de) als auch das größte Online-Gewinnspiel Netzwerk (www.superwin.de) mit Vermarktungspartnerschaften mit fast allen führenden Online-Plattformen.

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